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Resonanz


Eine der mich am meisten inspirierenden Lektüren in den letzten Jahren ist das Werk „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“ von Hartmut Rosa. Der Jenaer Soziologieprofessor entwickelt darin eine Theorie gesellschaftlicher Zusammenhänge auf Grundlage der Annahme, dass Individuen nach resonanten Beziehungen streben: Resonante Beziehung als Basis für ein „gelungenes Leben“. Oder wie Rosa seine Kernthese formuliert: „Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung.“ Im Leben kommt es auf die Qualität der Weltbeziehung an (die Art und Weise, in der wir als Subjekte Welt erfahren und in der wir zur Welt Stellung nehmen) und damit auf die Qualität der Weltaneignung. Und eben nicht auf die Quantität bzw. quantitativ messbare Formen einer Weltbeziehung (Zahl und Wert der eigenen Fahrzeuge, Größe des Hauses u.ä.).


Resonanz, ein Begriff entwickelt aus dem lateinischen resonare, d.h. widerhallen, steht für die gegenseitige Beeinflussung von Individuum und Gegenüber auf Basis eines Austausches. Wenn ich das Gefühl habe, mit einer Aussage in einem Gespräch „Resonanz“ zu erfahren, liegt dem ein (in aller Regel) positives Erlebnis einer Reaktion meines Gegenübers zugrunde. Je weiter dieser Austausch im Sinne einer wechselseitigen Beeinflussung geht, desto tiefer geht das Resonanzerlebnis.

Dieses Erlebnis ist für uns Menschen ein ganz fundamentales Erlebnis. Die Forschung an der Entwicklung von Gehirnstrukturen und damit einhergehend Verhaltensstrukturen bei Neugeborenen zeigt beispielsweise, wie elementar wichtig die Qualität des Austausches zwischen Neugeborenen und seinen Bezugspersonen (in erster Linie der Mutter) in den ersten Momenten des neuen Lebens ist. Die Qualität des Austausches (somit der Resonanzbeziehung) bestimmt über Bindungsmuster, die den jungen Menschen ein Leben lang begleiten. 


Dieses Muster prägt den Rest unseres Lebens. Wie Rosa schreibt: „Ob Leben gelingt oder misslingt, hängt davon ab, auf welche Weise Welt (passiv) erfahren und (aktiv) angeeignet oder anverwandelt wird und werden kann.“ 


Rosa stellt drei mögliche Achsen vor, in denen Bezugspunkte für Resonanzen gesetzt werden können:



Innerhalb dieser Resonanzachsen können Individuen intensive und befriedigende Erfahrungen machen (getragen werden oder sogar in der Welt geborgen sein) oder auch stumme (instrumentelle im Sinne der Abwesenheit oder des Verstummens einer Resonanz). Letztere wären beispielsweise fehlgeschlagene Resonanzerfahrungen durch alleinige Ausrichtung auf die Verfügbarmachung des Gegenübers.


Ein Beispiel: Ich selbst laufe sehr gerne. Mein positives Erlebnis beim Laufen gibt mir das Erlebnis des Atmens, der Natur, der Bewegung, die ich als einen Austausch empfinde – eben ein gelungenes Resonanzerlebnis. Das Gegenteil (eine stumme Resonanzerfahrung) wäre der Lauf, um eine Strecke von 21 Kilometern in einer Zeit von unter 100 Minuten abzulaufen – rein fokussiert auf Zahlen und Werte. Ein gutes Lauferlebnis unterscheidet ein weniger gutes von diesem rein subjektiv gefassten Ansatz. Und dies lässt sich auf fast alle Erlebnisse im Leben übertragen.


Resonanz kann sich immer nur punktuell einstellen. Wie eine Resonanz in der Physik wird sie kein Dauerzustand sein.


Wir suchen Resonanz. Die auf Basis dieser Annahme von Rosa entwickelte Resonanztheorie setzt sich mit den gesellschaftlichen Bedingungen auseinander, die gelingende Beziehungen fördern oder behindern. In unserer modernen Welt stoßen wir aber auf einen fundamentalen Widerspruch:



Über diesen Beschleunigungszwang (Modus der dynamischen Stabilisierung) werden nach Rosa drei wesentliche Ausprägungen der aktuellen Krise der Moderne ausgelöst:



Positiv gewendet verbindet sich mit der Resonanztheorie das Petitum für sich und in der Gesellschaft einen Rahmen zu entwicklen, in dem 



aller Menschen gewährleistet wird.

thomas & barbara prüm - munich/frankfurt